Kann man Humor lernen? |
|
Man kann die verschiedenen Humorstile, -definitionen, -theorien und andere theoretischen Hintergründe lernen, und so erhält man ein immer differenzierteres Bild der Phänomene Humor und Lachen. Bereits diese Auseinandersetzung kann als Lernprozess verstanden werden.
Zudem gibt es den therapeutischen Humorprozess. Damit ist gemeint, dass ich über eine Situation heute (noch) nicht lachen kann, weil sie mir z. B. zu nahe geht oder zu peinlich ist. Später kann ich vielleicht alleine darüber lachen, und noch einige Zeit später lache ich mit anderen zusammen über diese Situation. Dies ist ein Lernprozess, den ich durchlaufe, wenn ich dem Thema Humor in meinem Leben einen wichtigen Platz einräume.
|
| |
Ist Humor nicht vor allem etwas für Komiker oder andere witzige Menschen? |
|
Nein, mit Humor können sich alle befassen. Er ist kein exklusives Gut einiger spezieller Gruppen. Für die einen ist Humor eine berufliche Aufgabe mit kranken Menschen, für die anderen ein akademisches Forschungsobjekt, die Dritten lassen Heiterkeit in der Familie und Nachbarschaft aufleben, und die Vierten nutzen die Kraft von Humor im Unterricht. Sie alle haben ihren eigenen Zugang zu Humor. Wichtig ist, dass man sich das Thema zur Herzenssache macht.
|
| |
Was ist Humor? |
|
Dazu herrscht eine babylonische Sprach- und Bedeutungsvielfalt! Je nach beruflichem Hintergrund wird diese Frage anders beantwortet. Für mich als Pflegefachfrau ist Humor ein menschliches Phänomen, das sich trotz Gesundheitsbeeinträchtigungen und Behinderung durch alle Lebensphasen hindurch zieht. Sowohl die Gabe als auch die Fähigkeit, Humor wahrnehmen und ausdrücken zu können, verändern sich im Laufe der Biographie. Auch die Bedürfnissen der kranken Menschen und deren Familien können sich in bezug auf Heiterkeit und Lachen wandeln. Im Zentrum steht stets das Ziel, den krankheits- unfall- oder altersbedingten Missgeschicken und Unzulänglichkeiten mit heiterer Gelassenheit zu begegnen.
|
| |
Was bringt kranke Menschen zum lachen? |
|
Das ist natürlich individuell sehr verschieden. Bei manchen sind es die Enkelkinder oder Haustiere, bei anderen sogar die Missgeschicke aufgrund der eigenen Krankheit oder Behinderung. Auch Fernsehserien, Videofilme oder Zirkusbesuche bringen kranke Menschen zum lachen. Zu hoffen ist, dass sie das Lachen nicht verlieren, wenn sie mit Pflegenden, Ärzten oder anderen professionellen HelferInnen zu tun haben.
|
| |
Was bewirkt Lachen beim Menschen? |
|
Zu den körperlichen Auswirkungen von Lachen gibt es verschiedenste Studien, und sie zeigen interessante Tendenzen auf, z. B. in bezug auf die Schmerzlinderung. Der Volksmund hat grundsätzlich sicher recht, wenn es heisst "Lachen ist die beste Medizin". In wissenschaftlicher Hinsicht haben die meisten Studien jedoch methodische Mängel, wie der kanadische Psychologieprofessor Rod Martin in einer 2001 erschienen Literaturübersicht aufzeigte. Aus pflegewissenschaftlicher Sicht gilt es zudem einzuschränken, dass fast alle diese Studien mit jungen und gesunden Probanden durchgeführt wurden. Deshalb sind die meisten Ergebnisse für kranke oder alte Menschen nicht repräsentativ. Hier besteht noch grosser Forschungsbedarf.
|
| |
Welche Rolle spielen Spitalclowns? |
|
Clowns in Kinderspitälern und Pflegeheimen sind wichtige Türöffner für das Pflegekonzept Humor, und sie sind aus vielen Institutionen nicht mehr wegzudenken. Sie sind jedoch oft nur wenige Stunden pro Woche präsent, Heiterkeit braucht es aber jeden Tag für irgend jemanden. Deshalb ist es wichtig, dass die professionellen HelferInnen mit dem Konzept Humor vertraut sind. Das heisst nicht, dass sie selber Clown spielen müssen, sie können und sollen ihren eigenen Humorstil entwickeln.
|
| |
Kranke Menschen haben doch oft nichts mehr zu lachen, was soll also dieser Rummel um therapeutischen Humor? |
|
Es gibt sicher kranke Menschen, die gerne Ruhe und Abgeschiedenheit wünschen. Ich denke z. B. an PatientInnen mit frischen Hirnverletzungen. Für sie tönt Gelächter mitunter wie ein lautes Getöse, weil ihr Hirn oft sehr sensibel auf Schallreize reagiert. Entscheidend für therapeutischen Humor ist daher immer der betroffene Mensch und auch seine Familie. Sie sollen ihre Bedürfnisse nach Heiterkeit stillen können. Und da hapert es noch oft. Während meiner eigenen klinischen Tätigkeit geschah es nicht selten, dass Pflegende oder Ärzte den kranken Menschen Heiterkeit und Lachen vorenthielten, z. B. bei Krebs- oder Aidskranken. Aber das ist nicht fair. Weshalb sollen die Profis entscheiden, wer mit welcher medizinischen Diagnose Heiterkeit erfahren darf?
|
| |
War Humor in den Spitälern, Pflegeheimen und bei den kranken Menschen zuhause nicht schon immer da? |
|
Doch, da bin ich überzeugt, allerdings wissen wir darüber recht wenig. Die Pflegewissenschafterin Vera Robinson, die "grand old lady" von therapeutischem Humor, hat dazu interessante Quellen zusammengetragen. Es gab Zeiten, in denen Humor mehr und dann wieder weniger akzeptiert wurde. Ich bin aber sicher, dass die einzelnen Profis immer nach ihrem besten Wissen und Gewissen Heiterkeit in die Krankenzimmer brachten. Nur - blieb dies halt oft dem Zufall überlassen, wer gerade Dienst hatte und wie die Stimmung auf der Abteilung war.
Ich bin aber überzeugt, dass wir als Profis Humor nicht nur (aber selbstverständlich auch) zufällig geschehen lassen sollten. Es gibt eine Reihe von Interventionen, die wir gezielt den PatientInnen und den Angehörigen angedeihen lassen können.
|